22 Monate mehr oder weniger Windelfrei.

Nach 22 Monaten, in den wir mal mehr und mal weniger die Windeln weggelassen, mit Stoffis hantiert, billige Gästehandtücher vom Möbelschweden gewaschen, Waschbecken in Wickelräumen erfreut zur Kenntnis genommen, stundenlange Töpfchensitzungen begleitet und doch auch oft gedacht haben „Ist das überhaupt das Richtige?“, ist das Glückskind ganz plötzlich komplett ohne Windel und sagt fast immer, wenn es muss oder wartet, bis wir fragen. Zuhause. Nachts. Auf dem Spielplatz. In der Kita. Im Auto. Beim Shoppen. IMMER. Seit es wärmer ist, lassen wir die Windel zuhause komplett weg. Dort geht er dann auch fast ausschließlich allein. Fragen bringt hier gar nichts. Das ufert nur in einem sehr entschiedenen „NEIN!!!! MEINE (Entscheidung)!!!!“. Nun gut. Also Fragen abgestellt und siehe da, seit irgendwann im Juni erkennt er nun, wann er muss (wenn auch mit unter sehr spät „Pipiiiiii“) und wo es hin muss und, dass es blöd ist, wenn man dieses Wissen und Erkennen ignoriert. Draußen hat das etwas länger gedauert. Besonders wenn Spielplätze in Sicht waren. Aber der Reihe nach.

Erwartungen.

Wie ihr wisst, haben wir etwa 4 Wochen nach Glückskinds Geburt mit Teilzeit-Windelfrei angefangen. Der letzte Erfahrungsbericht ist knapp ein Jahr alt. Und dieser Zeit ist wahnsinnig viel passiert. Aber nicht beim EC (Elimination Communication). Nun ja, ehrlicherweise gebe ich zu, dass wir zum Einen sehr zaghaft waren, die Windel wegzulassen, sobald es kälter wurde und ich tatsächlich auch damit gehadert habe, dass es nicht so läuft, wie ich das nun mal erwartet hatte. Wenn ich eins gelernt habe in den letzten knapp zwei Jahren, dann das: Erwartungen gehören nicht in ein Leben mit Kindern. Denn Kinder sind kein Malbuch, das du mit deinen Lieblingsfarben ausmalst. Es ist viel entspannter, wenn du dem Kind die Führung übergibst, wenn es um seine Entwicklung geht. Und so haben wir das akzeptiert und die Erwartungen warten lassen.

So fingen eben Kinder an, die nie von Windelfrei gehört hatten, Bescheid zu sagen, während das Glückskind auch wieder mehr als Pipi in die Windel machte und draußen nicht mehr abgehalten werden wollte. In der KiTa haben die Erzieherinnen auch nicht richtig mitgemacht und so ging es hauptsächlich darum, die Windel so schnell wie möglich zu wechseln. Unser Windelverbrauch stieg dementsprechend. Nur morgens wollte er immer aufs Töpfchen. Es gab nur einen einzigen Tag, wo das anders war.

Und dann, ganz plötzlich, meinten seine Erzieherinnen, dass sie den WC Gang doch regelmäßiger anbieten könnten. Es wäre ja blöd, wenn plötzlich alle auf einmal damit anfangen würden bzw. wäre es ja gut, wenn der ein oder andere schon bald durch wäre. Wo die Zeit auf einmal herkam, vermag ich nicht zu sagen, denn der Personalmangel war eher noch stärker zu spüren. Nichtsdestotrotz: Das haben wir sofort gemerkt. Vielleicht passierte auch zeitgleich ein Entwicklungsschub. Ich kann es gar nicht mehr sagen. Auf jeden Fall konnten wir nach und nach zuhause die Windeln weglassen. Es gab einige nasse Hosen und Pfützen. Aber die wurden immer weniger. Ich kann gar nicht mehr sagen, wann und wie genau das vor sich ging, aber man konnte richtig zu sehen, wie jede nasse Hose angewiderter vom Glückskind aufgenommen wurde. Zuletzt die auf dem Spielplatz, was ihn dazu veranlasst hat, vor dem Spielen noch einmal Pipi zu machen. Vorher undenkbar. Da war der Spielplatz viel zu spannend.

Vertrauen.

Das Entscheidende bei uns war ihm zu vertrauen. Nicht zu vertrauen, dass er jedes Pipi ankündigt. Sondern zu vertrauen, dass er lernt, seinen Bedürfnissen zu folgen. Aber nur durch das Weglassen der Windel konnte er den Zusammenhang erkennen und seine Konsequenzen ziehen.

Hätte, wenn, aber.

Nun werden einige sagen, wir hätten die Windel ja schon viel früher weglassen können, dann wäre es schneller gegangen. Das mag stimmen. Ich weiß es nicht. Der Punkt ist oder vielmehr die Punkte sind aber: Es war uns einfach zu kalt und wir wollten nicht jeden Spielplatzbesuch oder jeden Spaziergang mehrfach sehr lange unterbrechen müssen, um eine komplette Kaltwettermontur zu wechseln. Zuhause haben wir es aber häufig gemacht. Aber es hat ihn einfach nicht interessiert, ob die Hose nass wurde. Und offenbar konnte er KiTa und Nicht-KiTa auch nicht gut trennen. Und, was man nicht vernachlässigen darf; die Geschichte mit dem Pipi und dem, was da noch raus kommt, ist auch eine ordentliche Autonomie-Geschichte. Es ist etwas, worüber die Kinder selbst entscheiden können. Da kann sie keiner zu zwingen. Deswegen klappt bei uns das Fragen auch sehr selten. Egal, wie sehr er muss. Es nervt ihn und deshalb machen wir es nur noch, bevor wir ins Auto steigen oder in einen Laden gehen oder von zuhause los wollen. Oder wenn wir auf dem Spielplatz ankommen. Natürlich, für ein Kind, das nie eine Windel kannte, gilt das nicht. Dieses Kind verinnerlicht wahrscheinlich viel früher, dass es warten und Bescheid sagen muss, wenn es nicht nass werden will. Möglicherweise. Vielleicht arrangiert es sich aber auch damit, dass die nassen Sachen sofort gewechselt werden.

Ich bin deshalb einfach nicht sicher, ob es anders gelaufen wäre, wenn wir die Windel immer komplett weggelassen hätten. Man liest sowas ja oft und sicher stimmen diese Berichte auch. Ich weiß nur nicht, ob man sie auf jedes Kind übertragen kann. Und es ist auch einfach nicht unser Weg. Uns ging und geht es nicht darum, dass das Glückskind so früh wie möglich trocken wird. Davon sind wir zudem weit entfernt, denke ich. Also zumindest von meinem Bild von „trocken sein“. Diese Redewendung ist sowieso ziemlich seltsam. Aber für mich bedeutet sie, dass das Kind die Kontrolle komplett allein übernommen hat, ohne Nachfragen und direktes Anbieten von ganz allein immer darauf hinweist, wenn es mal muss.

Ich bin froh, dass er so oft es halt war, nicht in die Windel machen musste und so schnell wie möglich wieder trocken und sauber war. Dass er wusste, dass wir diese Bedürfnisse wahrnehmen. Ich würde EC immer wieder machen, das nächste Mal aber viel entspannter an alles ran gehen. Was man liest, klingt immer so als müsste man nur seiner Intuition folgen und auf die Signale des Kindes hören. Aber bei Pipi alle 15 Minuten, plötzlichen Entwicklungsschüben, die alles neu machen und autonomen Phasen, die dafür Sorgen, dass gerade noch gern akzeptierte Hilfestellungen plötzlich schreiend abgewehrt werden, ist das nicht so einfach. Man zweifelt schnell an sich und der Sache und ich zumindest hab meine Entspannung schnell verloren. Vielleicht braucht es Erfahrung und ganz sicher eine offene Einstellung zu allem, keine Erwartungen und keinen Ehrgeiz. Es geht nicht darum einen Pokal zu gewinnen. Es ist egal, ob ein Kind mit 13 oder mit 23 oder mit 33 „trocken“ ist.

Das musste ich lernen. Bzw. diese Erkenntnis ist mir auf dem Weg abhanden gekommen, gemeinsam mit der Ruhe in Bezug auf das Laufen lernen, fürchte ich. Ich habe sie wieder gefunden und was soll ich sagen? Das war einer der Bausteine. Kinder merken es, wenn wir uns unter Druck setzen. Darauf haben sie so wenig Lust wie wir, wenn uns jemand immer wieder fragt, ob wir denn endlich unseren Handyspeicher aufgeräumt haben.

So und nun bin ich gespannt, wie es weiter geht. Hier passiert gerade so viel und das Glückskind muss bald eine ganz schöne Veränderung mitmachen. Ich bin gespannt, wie er damit umgeht (eine seiner zwei Bezugserzieherin wird gehen). Und natürlich bin ich auch gespannt, wie und ob sich das auf die Pipi.Geschichte auswirken wird. Auf jeden Fall ist die Windel weg und wird zunächst auch nicht mehr gebraucht. Auch wenn hier und da mal eine Hose nass wird. Ich bin sehr sehr froh über diesen Schritt und die viele Luft an Babys, aeh Kleinkinds, Po.

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