genießen statt warten.

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Ein Satz in einem Artikel auf Papa-online.com hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich war auf der Suche nach Erfahrungen zum Laufen lernen. Der ewige Fluch des Vergleichens hat mich dazu geleitet. Es hat mich, ich muss es zugeben, gewurmt, dass mein Baby, das mit allem motorischen so wahnsinnig früh dran war, mit dem freien Stehen und Laufen wartet. Noch viel mehr hat es mich gewurmt, dass andere, die anfangs so viel langsamer waren, ihn jetzt überholen. Nicht, dass ich mich nicht für sie freuen würde. Natürlich tue ich das. Aber ich fand es trotzdem irgendwie doof. Und genau darüber habe ich mich am meisten geärgert. Ich wollte nie zu den Müttern gehören, die zu hohe Erwartungen an ihre Kinder stellen. Das Glückskind sollte alles in seinem Tempo lernen, sich möglichst frei entwickeln. Ich wollte immer nur auf ihn reagieren, ihm zwar Hilfestellung geben wenn er sie braucht, ihn aber nicht unnötig pushen.

Und plötzlich denke ich darüber nach einen Lauflernwagen zu kaufen. Diese Idee haben wir jedoch schnell wieder verworfen. Er ist damit im Laden nach einem Zusammenstoß mit einer Kugelbahn und dem anschließenden Versuch den Wagen rumzureißen der Länge nach auf die Seite gefallen und außerdem war seine Fußstellung schrecklich. Wenn er an der Hand läuft, sieht das super professionell aus. So wie man halt läuft. Mit dem Wagen und im Übrigen auch wenn er seinen Kinderwagen schiebt, läuft er mit dem rechten Fuß nach außen gedreht und die Hüfte ist katastrophal eingedreht. Ich frage mich ob das bei allen so ist. Zumindest hat mich diese Erfahrung zurück gebracht zu meinen Ansprüchen an mich als Mama. Er ist noch nicht soweit und ich akzeptiere das, egal wie viele plötzlich laufen und stehen.

Jetzt wird mir bewusst wie fixiert wir auf die motorische Entwicklung sind. Dabei entwickeln sich alle Kinder unterschiedlich. Jedes folgt seinem eigenen Plan und das ist unheimlich faszinierend zu beobachten. Manche können früher greifen, andere zeigen früh auf Dinge und wieder andere spielen perfekt mit Stapelbechern. Aber das Laufen lernen steht ganz oben auf der Wunschliste bis zum ersten Geburtstag. Und die Frage „Läuft er/sie schon?“ reiht sich wohl ein in die gefürchteten Smalltalk Avancen („Schläft er/sie schon durch?“, „Stillst du?“, „Stillst du immernoch?“ usw.) von Nachbarn und entfernten Verwandten. Ich frage mich, warum das so wichtig ist. Und auch warum es mir so wichtig ist. Ja klar, wenn man es von der Evolution her betrachtet, macht es Sinn. Wir arbeiten schließlich daraufhin laufen zu lernen. Es ist sozusagen das Ziel aller grobmotorischen Entwicklung. Und besonders wir Deutschen sind ewige Konkurrenten. Wir wollen den Wettbewerb. Wollen die besten, die ersten, zumindest aber nicht die letzten sein. Tja, und überholen lassen wir uns schon gleich gar nicht gern. Das liebe Ego halt. Offensichtlich hat es mich hier überrollt. Und das, obwohl ich mir immer wieder versuche klarzumachen, dass es keine Rolle spielt. Das klappt dann solange, bis der nächste an uns vorbeizieht.

Eltern machen sich heute zu viele Gedanken darüber, ob sich die Kinder auch schnell genug entwickeln. Sie treiben das Kind, voll Sorge es könnte zurückbleiben, von einer Entwicklungsstufe zur nächsten ohne sich über die gemachten Schritte zu freuen und die Zeit mit dem Kind bewusst zu erleben und zu genießen. Nichts kann schnell genug gehen. Diese Eltern hört man später klagen, dass die Kinder “ja viel zu schnell groß geworden” seien.

Und genau dieser Absatz ließ mich nachdenken und hat mir klar gemacht, was ich nie vergessen wollte; nämlich wie unwichtig es ist, wann er was kann. Irgendwann wird er alles können. Denn irgendwie forcieren wir, was wir später bedauern. Das groß, das selbstständig Werden. Und, alles, was jetzt in weiter Ferne zu sein scheint passiert doch meist von einem Tag auf den anderen. Und dieser neuen Entwicklung muss vielleicht ein anderes Verhalten weichen. Plötzlich krabbelt das Kind nicht mehr. Oder es will nachts nicht mehr stillen. Oder es will plötzlich nur noch alleine schlafen. Oder es will keinen Kuss mehr von der Mami. Auf dem Weg zur Selbstständigkeit geht vieles verloren, was wir uns später zurück wünschen. Dann, wenn wir daran denken, wie schön doch die Zeit war und wie schnell sie vergangen ist. Ich will mich nicht ärgern müssen, dass ich nur auf etwas gewartet habe. Ich will mich an all die Momente zurück erinnern können, in denen ich die Zeit mit meinem Kind genossen habe. So, wie ich es die ganzen ersten zehn Monate ausschließlich gemacht habe. Bis das Thema Laufen aktuell wurde.

Und deshalb genieße ich nun wieder mein krabbelndes, stillendes, an der Hand laufendes, kreischendes, „dejdejdej“ndes, winkendes, knutschendes, Ball spielendes, mit den Fingern essendes, „mhmmhmmmmh“ndes, tanzendes, auf Knien hüpfendes, beißendes, tobendes, Purzelbäume schlagendes, ausräumendes, kletterndes, wunderbar spielendes, „Mama“ sagendes Baby, das ja in 2,5 Wochen schon gar keines mehr ist. Wie schnell doch die Zeit vergeht..

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4 comments

  1. Juliana says:

    Es ist schade, das manche Eltern aus allem einen Wettbewerb machen muss. Sollen se die Zeit mit den kleinen doch einfach genießen. Ist doch egal ob ein Kind früher oder später Krabbelt/Läuft/Spricht usw.

  2. Andrea says:

    Ja Juliana, da hast du absolut recht. Irgendwie setzt man sich selbst aber auch sehr schnell unter Druck, ohne dass alles direkt als Wettbewerb zu sehen. Man will einfach, dass das eigene Kind nicht zurück fällt. Und man fragt sich ziemlich schnell ob man etwas falsch gemacht hat, wenn alle anderen etwas schon können, das eigene Kind aber nicht. Besonders wenn es zuvor immer einen Schritt voraus war. Ich finde der Druck kommt auch sehr von außen. Fragen wie „Und läuft er schon?“ sind nicht nur nervig. Sie verunsichern auch. Denn gern kommt dann ja soetwas wie „Ach meiner Macht das schon ewig.“ hinterher. Ich versuche jeden Tag diese Gedanken auszusperren und doch ertappe ich mich dabei wie ich auf etwas warte. Und genau diese Erwartungshaltung ist es, die dann letztendlich Druck aufbaut. Es gibt aber keinen Plan für alle Kinder. Jedes entwickelt sich nach seinem Tempo. Und, was ich auch sehr wichtig finde, nur weil ein Kind etwas nicht macht, heißt das nicht, dass es dieses etwas nicht kann. Oft sehen Sie einfach keine Notwendigkeit etwas zu tun. Oder sie haben noch Angst davor, sind motorisch aber schon weit genug. Und dann, wenn es Klick macht, sind sie sehr sicher und auf dem gleichen stand wie Kinder, die schon Monate vorher damit angefangen haben.

  3. Sternchen130813 says:

    Und wieder so super schön geschrieben! :) Danke das Du uns an Deinen Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt und uns auch Denkanstöße gibst! :-*

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