Lob.

wpid-2015-04-19-14.25.42.jpg.jpegAls ich mich mit dem Thema „Windelfrei“ beschäftigt habe, stieß ich ziemlich schnell auf die Aussage, man solle Kinder nicht dafür loben, wenn sie Pipi oder mehr gemacht haben. Und natürlich auch nicht tadeln, wenn etwas daneben geht. Hier geht es darum, dass das Kind das ja sowieso machen muss. Jemanden für etwas zu loben, was unweigerlich geschieht, erscheint seltsam. Nun mögen manche argumentieren, dass man das Kind ja nun nicht dafür lobt, dass es Pipi gemacht hat, sondern dafür, dass dieses Pipi nicht in die Windel oder auf den Boden ging. Dieses Verhalten oder auch das Ergebnis des Verhaltens empfinden wir als richtig, als positiv. Deswegen wollen wir es fördern. Und deshalb sagen wir „Fein gemacht“ oder „Toll“. Manch einer sagt auch „Oh wie schön, du hast Pipi ins Töpfchen gemacht.“ Das Kind soll positive Resonanz bekommen, damit es merkt, dass es sich „richtig“ verhalten hat und dieses Verhalten wiederholt.

So weit so gut. Nehmen wir nun an, das Kind wiederholt dieses Verhalten und wir loben es wieder. Diesmal etwas weniger euphorisch. Die Euphorie nimmt kontinuierlich ab. Trotzdem glauben wir das Kind weiter loben zu müssen bis sein Verhalten irgendmal „normal“ geworden ist. Durch Lob haben wir es geschafft, den Nachwuchs in die richtige Richtung zu lenken. Aber ist das gut? Ist das richtig?

Als das Glückskind etwa 6 Monate alt war, stieß ich auf einen Artikel zum Thema Lob, der suggerierte oder besser gesagt, der als einzig geltende Wahrheit vermittelte, dass Lob fatal sei. Man solle vielmehr die Kinder wahrnehmen und ihnen das auch zeigen. Wenn man das Verhalten eines Kindes wahrnimmt, dann soll man es nicht loben und damit bewerten, sondern es.. naja.. wahrnehmen und kommunizieren, was man denn wahrnimmt. Also statt „Toll!“ zu sagen, wenn das Kind ins Töpfchen macht, um beim Thema zu bleiben, sagt man z.B. „Du hast Pipi ins Töpfchen gemacht.“. Für mich klang das damals sehr sehr kalt. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Kind nicht zu loben, wenn es etwas tolles gemacht hatte. Wie sollte man denn bei den ersten Schritten reagieren? „Oh, ich sehe, du läufst.“?

Mit der Zeit und durch das Erleben vieler bitterlicher Forendiskussionen habe ich für mich erkannt, dass es so einfach nicht ist. Weder ist ständiges Lob eine gute Wahl, um das Kind zu leiten. Noch kann ich emotionslos auf neue Errungenschaften meines Glückskindes reagieren. Den Ausschlag für meine Meinungsbildung gab mir das Beobachten der anderen Glückskind Familienmitglieder. Insbesondere der Großeltern. Lob wurde gern und viel verteilt. Eigentlich ist das immer noch so. Aber nie beschreibend und oft emotionslos. Automatisch. Weil man das Kind eben lobt, damit es sich weiterentwickelt. Diese Beobachtung brachte mir eine sehr persönliche Erkenntnis. Bzw. stellte die These auf, dass mein Drang danach, „Likes“ zu sammeln im wahren und virtuellen Leben eventuell seinen Ursprung in dieser Form der Motivation haben könnte, die ich als Kind ohne Zweifel erfahren habe. Versteht mich nicht falsch, ich hatte das Glück, dass meine Mama immer an mich geglaubt hat und das immer noch tut! Sie hat mir immer gesagt, dass ich alles kann. Und davon habe ich sehr profitiert, denn ich selbst glaube auch immer an mich. Sie meint das Lob immer gut, das weiß ich. Und so geht es uns allen. Wir loben aus Überzeugung.

Extrinsische vs intrinsische Motivation

Und Lob, so wie wir es verwenden, dient tatsächlich dazu, zu motivieren. Als Eltern möchten wir unsere Kinder dahingehend motivieren, dass sie sich in der Gesellschaft zurecht finden. Doch Lob ist eine extrinsische Motivation. Sie kommt von außen. In der Wirtschaft weiß man längst, dass man Mitarbeiter langfristig nicht durch Geld, Lob oder andere Zuwendungen motivieren kann. Vielmehr versucht man herauszufinden, wie die Mitarbeiter sich selbst motivieren können. Wann sie eine Aufgabe gern machen. Ein banales Beispiel: Wenn man einem Mitarbeiter die Verantwortung für eine Aufgabe gibt und ihm echtes Vertrauen entgegen bringt, wird er sich ernst genommen fühlen. Er erkennt, dass seine Fähigkeiten wahrgenommen werden. Und weiter, er, oder auch sie, weiß, dass wenn die Aufgabe abgeschlossen ist, er oder sie ein gutes Gefühl daraus ziehen kann. Das Gefühl die eigenen Fähigkeiten unter Beweis gestellt zu haben – sich selbst und anderen gegenüber. Vielleicht auch eine Herausforderung bestanden zu haben. Er kann daran wachsen, mehr Eigenverantwortlichkeit erlangen. Vielleicht erkennt er selbst erst während der Aufgabe über welche Fähigkeiten er verfügt.

Anders, wenn man dem Mitarbeiter die gesamte Zeit über die Schulter guckt. Selbst wenn jeder Arbeitsschritt gewürdigt und gelobt wird. Selbst wenn am Ende der Aufgabe eine satte Prämie wartet. Langfristig wird diese Motivation nicht funktionieren. Lob, Geld und auch Druck verlieren ihre Wirkung je öfter man sie einsetzt.

Also nicht loben?

Nun, ich für mich habe entschieden, dass ich mich nicht verstellen will. Wenn ich mich über etwas freue, dann drücke ich das aus. Aber ich überdenke meine Ausdrucksweise jedes mal. Und mit der Zeit haben sich wertende Begrifflichkeiten tatsächlich ziemlich rar gemacht. Ich finde, die Qualität, in der man mit seinem Kind spricht, steigt auf ein anderes Niveau. Statt „toll gemacht“, womit das Kind in meinen Augen wenig anfangen kann, gibt man ihm Feedback. Man füttert zurück, was es einem gegeben hat, sozusagen. Es zeigt mir, dass es etwas kann und ich zeige ihm, dass ich es gesehen habe. Ich zeige ihm aber nicht, wie ich das finde, denn es soll das für sich entscheiden. Kinder lieben es, wenn sie etwas schaffen. Sie brauchen uns nicht, um Ihnen zu sagen, dass das toll war. Ausnahmen sind natürlich starke Grenzübertritte, die evtl sogar gefährlich sind. Aber grundsätzlich glaube ich, dass es dem Kind nicht darin hilft, ein stabiles Selbstbild zu erschaffen, wenn es ständig von anderen bewertet wird.

Das Problem am Loben ist doch auch immer die Kehrseite. Das weglassen des Lobs. Lobe ich mein Kind zehnmal dafür, dass es den Müll runter gebracht hat und ab dem elften mal nicht mehr, wird das Kind dies merken. Wenn vielleicht auch nicht bewusst, wird ihm die fehlende Anerkennung weh tun. Es könnte sich sogar bestraft fühlen und den Müll fortan nur noch widerwillig runter bringen. Ein Kind, das von Beginn an lernt, dass der Müll runter gebracht wird und dass das völlig normal und nicht besonderes ist, wird in diese Situation nicht kommen. Das andere Kind ist abhängig vom Lob. Es braucht das Lob um sich zu orientieren. Es fühlt sich ungeliebt, wenn das Lob ausbleibt.

Die richtige Richtung

In einer Diskussion fiel das Argument, man könne sein Kind nur durch Lob in die richtige Richtung lenken. Für mich ist das schwer vorstellbar. Vielleicht lassen sich einjährige noch auf diese Weise manipulieren. Denn genau das ist es in meinen Augen. Manipulation. Ich will, dass das Kind etwas macht, also lobe ich es. Was genau ist eigentlich „richtig“? Abgesehen von den gängigen Richtlinien wie „Bei Rot stehen bleiben“ oder „Feuer nicht anfassen“, ist das doch ziemlich individuell.

Ich glaube, wir können unsere Kinder nur dann in eine grobe Richtung lenken, eine Richtung, die wir für gut halten, wenn wir Ihnen 1. in unserer Vorbildfunktion zeigen, dass das eben so gemacht wird und sie 2. dabei unterstützen ihren eigenen Weg zu finden. Indem wir sie selbst heraus finden lassen, was richtig und was falsch ist. Im Fall der roten Ampel ist ganz klar die Vorbildfunktion entscheidend. Niemand möchte wohl sein Kind vor ein Auto laufen lassen. Aber es zu loben, weil es stehen bleibt? Macht ihm das die Gefahr bewusst? Dass Feuer heiß ist, kann es dagegen an einer Kerze probieren. Es zu loben, weil es die Kerze nicht anfasst? In der Regel bestrafen wir es wohl eher, weil es sie angefasst hat. Dabei ist der Schmerz wohl Strafe genug und wird es beim nächsten Mal vorsichtiger sein lassen.

Das Beschäftigen mit den Thema „Lob“ hat mir zweierlei stärker bewusst gemacht. Ich möchte das Glückskind wahrnehmen, so wie ich auch andere Menschen in meinem Umfeld wahrnehme (n sollte). Mit Respekt und Aufmerksamkeit. Nicht durch Wertung. Das ist durchaus etwas, woran ich arbeiten muss. Es ist schwer einen Menschen nicht zu bewerten. Aber wir haben es ja auch nicht anders gelernt. Viel schöner wäre es doch, wenn wir die Menschen so annehmen könnten, wie sie sind.

Und dann ist da die Vorbildfunktion. Das Glückskind ist jetzt 20 Monate alt und wir merken sehr stark wie wichtig unsere Funktion als Vorbild ist. Egal, ob er unseren Quatsch nachmacht oder ob er sich den Mund nach dem Essen abwischt. Ob er ein Buch wirft, weil ich ein altes Buch für den Müll achtlos auf den Boden werfe oder ob er sich die Zähne putzen will, wenn wir das machen.

Kinder imitieren uns immerzu. Sie brauchen kein Lob, um das richtige zu tun. Sie brauchen Vorbilder. Und wenn es um solch delikate Themen wie Essen, Töpfchen, Laufen oder sprechen geht, brauchen Sie auch noch unsere Geduld. Das Gras wächst nicht schneller, je mehr man dran zieht. Und es wächst auch nicht schneller, wenn man es dafür lobt, dass es wächst. Das tut es von ganz alleine. Und so entwickeln auch Kinder sich in einem guten Umfeld von ganz alleine.

Zum weiter einlesen in das Thema empfehle ich:

Fünf Gründe gegen „Gut gemacht!“ von Alfie Kohn

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