Lügen.

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Wir erwarten von unseren Mitmenschen, dass sie ehrlich zu uns sind; dass sie uns die Wahrheit sagen. Insbesondere bei unserem Partner, unseren Kindern und Freunden sind wir enttäuscht, wenn diese das nicht tun; wenn sie uns anlügen oder etwas verschweigen.

Ehrlichkeit hat offiziell einen hohen Stellenwert in unserer Kultur, in unserer Gesellschaft. Wir sind schockiert, wenn ein Minister sich seinen Doktortitel nicht so verdient hat, wie er es vorgab. Wir echauffieren uns über Fußballmanager, die Steuern hinterziehen. Und wir führen prominente Damen vor, die nicht zugegeben haben, dass ihre Lippen oder Brüste oder Pobacken nicht von Gott gegeben sind.

Warum belügen wir dann täglich unsere Kinder? Tun wir nicht? Ein paar Beispiele:

  1. Ein Mädchen möchte ein Eis. Die Mutter sagt „Nein“, weil das Mädchen am Tag zuvor bereits ein Eis hatte und das aus Sicht der Mutter erstmal reicht. Die Großmutter sagt daraufhin „Süße, das Eis ist schon ausverkauft. Du kannst keins mehr haben.“. Denn, wenn das Mädchen wüsste, dass es noch Eis gäbe, würde sie es weiter wollen und würde nicht verstehen, dass sie keins haben darf, so denkt die Großmutter.
  2. Ein Junge möchte seiner großen Schwester immer wieder ins Bad hinterher. Die möchte dort aber lieber allein sein. Als sie das nächste Mal geht, sucht der Junge sie. Ein Erwachsener sagt ihm „Schatz, deine Schwester ist weg gegangen. Sie ist draußen“. Denn, wenn er wüsste, dass sie im Bad ist, würde er hinterher rennen und nicht akzeptieren, dass er dort nicht rein darf, so denkt der Erwachsene.
  3. Ein Junge möchte sich nicht anziehen lassen. Die Mutter erfindet daraufhin viele Geschichten und Märchen von hüpfenden Mützen und solch Dingen, um das Kind abzulenken. Anders, so denkt sie, würde er sich nicht anziehen lassen. NIEMALS!
  4. Und dann wäre da noch der Weihnachtsmann, der
    1. Geschenke bringt,
    2. die Schnuller den armen Kindern bringt, die sich keine leisten können,
    3. und der selbstverständlich nicht kommt, wenn das Kind nicht aufisst, nicht brav ist, nicht hört, nicht schläft, nicht aufsteht, nicht trinkt, der nicht kommt, wenn es haut, kratzt, laut ist oder schlicht den Eltern in seinem Verhalten nicht gefällt.

Ihr findet das übertrieben? Versteht mich nicht falsch, ich finde es wunderbar Geschichten mit Kindern zu erfinden, sie in eine Phantasiewelt zu führen und selbst dort abzutauchen. Aber, und das macht einfach den Unterschied, nur dann, wenn es einfach nur dem Spaß dient. Wenn wir uns Geschichten ausdenken, um uns und unseren Kindern eine schöne Zeit zu bereiten, um die Welt anders zu sehen, um ein graues Wartezimmer interessanter zu machen, dann ist das eine schöne Sache.

Wenn wir aber Geschichten erfinden, damit unsere Kinder funktionieren, finde ich das nicht mehr schön. Auch das ist Manipulation in meinen Augen und ich frage mich, was unsere Kinder dadurch lernen sollen. Das geht ein ziemlich einher mit dem Thema Tricksen.. Wenn wir sagen, das Eis sei alle, damit das Kind aufhört zu fragen, dann ist das natürlich leichter als zu sagen „Nein, ich möchte nicht, dass du noch ein Eis isst. Du hattest gestern schon eins.“ Das faszinierende aber ist, dass Kinder, auch anderhalbjährige nichtswissendeundbesondersnichtsverstehende Kleinkinder auf diese Klarheit und Ehrlichkeit sehr viel verständnisvoller reagieren als auf „Das Eis ist alle.“.

Vielleicht spüren sie, dass wir hinter den ehrlichen Worten stehen. Vielleicht spüren sie unsere Authentizität. Natürlich klappt das nicht immer. Manchmal ist der Wunsch so groß, dass auch die klarste Aussage Wut und Verzweiflung schürt. Beim Glückskind liegt dann aber meist etwas anderes zugrunde. Und manches müssen sie vielleicht auch einfach noch lernen zu verstehen und zu akzeptieren. Aber wie sollen sie das lernen, wenn wir ihnen diese Konfliktsituationen immer wieder nehmen?

Ich verstehe sehr gut, warum man seine Kinder belügt. Man will dem Konflikt aus dem Weg gehen. Man will kein weinendes Kind. Und viele denken vielleicht wirklich, das Kind würde nicht verstehen. Aber was lernen sie dadurch? Sicher keine Grenzen. Denn, dass sie sich anziehen müssen, wenn es raus geht, ist so eine Grenze. Natürlich kann man daraus ein Ritual machen. Natürlich kann man diesen Moment so entspannt wie möglich und auch so lustig wie möglich gestalten. Aber es ist für mich ein Unterschied, ob ich etwas erfinde, damit das Kind funktioniert oder ob ich einfach eine entspannte Situation schaffen möchte. Ein Kind, dem Konflikte immer wieder genommen werden, lernt später und insgesamt schwieriger mit diesen klarzukommen, denke ich.

In mir regt sich sofort Widerstand, wenn jemand das Glückskind (oder ein anderes Kind) belügt und ich sage direkt die Wahrheit hinterher. Das verschafft einem verstörte Blicke. Und ein Kind, das sich der Aussagen seiner Mama sicher sein kann. Das weiß, dass etwas wirklich alle ist, wenn sie das sagt. Denn… Wenn dann plötzlich ein Mädchen mit einem Eis vorbeikommt, das doch ausverkauft sein soll, was sagt man dem Kind dann? „Das Mädchen hat wohl das letzte bekommen.“? Eine weitere Lüge.

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3 comments

  1. Sternchen130813 says:

    100% richtig liebe Andrea! :) Ich sehe es ganz genau so!
    Ganz schlimm finde ich es auch – Du hast es auch als Beispiel genommen – wenn der Weihnachtsmann als Druckmittel genommen wird. :( Der Weihnachtsmann, der Nikolaus, die Feen, Engel und der Osterhase sind doch für die Kinder wundervolle Wesen! Warum macht man sie mit solchen Dingen wie:“der Weihnachtsmann hat ALLES, was Du böses gemacht hast, in seinem goldenem Buch stehen! Und er kommt ohne Geschenke sondern mit der Rute, weil Du so böse und unartig warst!“ , kaputt?!? Ich finde das so schrecklich und es wundert mich rein gar nicht, dass so viele Kinder Angst davor haben, den Weihnachtsmann persönlich zu treffen. Ich finde es nicht nur schrecklich, sonder auch sehr traurig! :(
    Meine Kinder, ich habe ja bereits 2 Große (die beide wirklich, bis sie 8/9 Jahre alt waren, an den Weihnachtsmann, Nikolaus & Co geglaubt haben) haben sich immer gefreut diese Wesen zu treffen und haben nie etwas negatives in Ihnen gesehen. Im Gegenteil! Sie fanden sie alle so wundervoll, dass sie Ihnen Äpfel, Milch, Mandarinen und selbst gemalte Bilder ins Wohnzimmer gestellt haben! Nicht weil sie sich dadurch mehr Geschenke erhofft haben oder sie besänftigen wollten! Sondern weil sie ihnen von Herzen eine Freude bereiten wollten! Sie waren glücklich, weil sie den Weihnachtsmann glücklich machen konnten!
    Und ja! Ich möchte für meine Kinder authentisch und der Fels in der Brandung sein! Und das geht nur mit Ehrlichkeit! Dazu noch Zuneigung, Verständnis und unendlich viel LIEBE! So, wieDu es auch beschreibst! :)
    Ich erkläre meiner Kleinsten auch immer ihre Gefühle bzw. vermittelnder, dass ich verstehen kann, dass und warum sie gerade traurig, wütend oder ähnliches ist. Und warum die Situation so ist. zum Beispiel:
    Ich kann verstehen, dass Du jetzt wütend und auch traurig bist, weil Du gerne noch einen Keks möchtest. Du hattest jetzt bereits 2 Kekse und noch mehr möchte ich heute nicht für Dich! Ich finde es besser, Werner statt dessen noch etwas Obst essen, oder einen Jogurt. Was meinst Du?“ Dabei nehme ich sie auf / in den Arm – vorausgesetzt sie möchte es! Wenn nicht, bleibe ich einfach in ihrer Nähe und rede ruhig mit ihr, bis sie bereit zu mehr Nähe und Trost ist. Denn sie hat ja auch ein Recht darauf Distanz und Ruhe einzufordern. :)

    Bei den Kleinen ist alles ein Lernprozess. Kein Kind wird geboren und weiß was Trauer, Wut, Freude, Frust, o.ä. ist. Geschweige denn, wie man damit umgeht. Unsere Aufgabe ist es, Ihnen das zu vermitteln und zu erklären. Aber so, dass sie dabei trotzdem auch ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können. Der eine braucht Nähe, der nächste Distanz dabei aber trotzdem auch ein offenes Ohr.

    Oh wei… Nun hab ich ja mal wieder einen Roman geschrieben. >_< Sooorry! :)

    • Andrea says:

      Sternchen, hab vielen Dank für deine Worte!!

      Das Weihnachtsmann Thema ist mir ehrlich gesagt noch etwas unklar. Also für mich. Ich denke auch, dass die Kinder ja Freude an diesen Wesen, wie du sagst haben. Dennoch will ich nicht, dass mein Kind glaubt, sie würden Geschenke bringen. Entzaubert das die Kindheit? Andererseits gibt es nicht für Kinder auch so viel Zauber in der Welt? Ist die Freude an Weihnachten geringer, wenn man weiß, dass Mama, Papa, Opi und Onkel die Geschenke geben? Am Geburtstag braucht man schließlich auch keine Figur, die dafür zuständig ist und trotzdem hatte, zumindest für mich, dieser Tag immer einen ähnlichen Wert.

      Dass man die Gefühle der Kleinen zulässt, finde ich einen sehr wichtigen Punkt. Ich merke, dass ich immer schnell beruhigen möchte. Aber jeder hat ja auch ein Recht auf seine Wut. Ich finde es manchmal schwierig hier den richtigen Weg zu finden. Dein Weg gefällt mir da sehr gut. So ähnlich mache ich es ja auch. Verstehen, Halt bieten, wenn er das wünscht und wenn es passt, Alternativen anbieten.

  2. Sternchen130813 says:

    Hihi! :) Vielleicht liegt es bei mir daran, dass ich den Zauber des Weihnachtsmannes bis heute selber irgendwie magisch und schön finde und es deshalb an meine Kinder weitergebe. :) Meine Mum hat es so gemacht wie ich, ohne böse Gedanken und goldene Bücher über Straftaten etc..
    Ich denke nicht das ein Kind Schaden nimmt, wenn es weiß, dass die Geschenke von den Verwandten kommen und es keinen Weihnachtsmann gibt. :) Jeder soll das für sich entscheiden. Ich finde sowas einfach schön, wenn ich sehe, wieviel Freude diese Wesen meinen Kindern bereiten. :)
    Ich habe immer gesagt, die Verwanten schicken dem Weihnachtsmann Geld, damit er die Geschenke in seinen Fabriken bauen kann. Das ist auch der Grund, warum einige Kinder mehr Geschenke bekommen, als andere. Weil eben nicht jeder gleich viel Geld zur Verfügung hat. Und das die Erwachsenen dem Weihnachtsmann auch helfen, Geschenke zu besorgen und zu verpacken, weil es so viele Kinder auf der Welt gibt. Die Wahrheit verpackt in einem Stück verzauberter Phantasiewelt. :) Und wenn ich gefragt wurde, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt, habe ich gesagt, dass jeder Mensch selber für sich entscheiden kann, ob es ihn gibt, oder nicht / ob er an ihn glaubt oder nicht. „Hör darauf, was Dein Herz Dir sagt!“ Denn so richtig Lügen wollte ich natürlich nicht! Vorallem nicht, als die Kinder schon älter waren. Zudem ist es für mich – unabhängig vom Weihnachtsmann – ganz wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, immer auf ihr Herz / Ihre innere Stimme zu hören. :)

    Ich hoffe ich konnte es Dir etwas verständlicher darlegen. :)

    Stimmt, das ist wirklich nicht immer leicht, gerade weil wir unsere Kleinen so sehr lieben, möchten wir das sie immerzu nur Freude und Glück spüren, statt Frust, Trauer, Wut, Verzweiflung und Schmerz. :( Aber das gehört zum Leben dazu.
    Ich habe mir bewusst gemacht, dass diese Dinge aber wichtig für Ihr ganzes Leben sind. Wenn ich immerzu gleich einschreite, um sie zu bewahren und beschützen, lernt sie nie, diese Gefühle irgendwann zu benennen und zu verstehen. Und wenn sie erwachsen ist, dann kann sie damit nicht umgehen. Wenn ich keine Buchstaben lerne, werde ich nie lesen können…
    Und sie könnte auch andere Menschen nicht verstehen. Was ich selber nicht kenne, kann ich ja auch bei anderen nicht verstehen.
    Jetzt bin ich da und kann sie auf ihrem Weg, sich selber und die Gefühle kennen zu lernen, liebend begleiten. Ich gebe ihr Flügen, wenn sie klein ist, damit sie fliegen kann, wenn sie groß ist! :) Wie Du selber auch sagst, verstehen, Halt bieten, da sein, liebend begleiten, erklären usw.
    Wir machen unsere Zwerge stark und fit für die große, weite Welt! Auch wenn es uns weh tut sie „leiden“ zu sehen, tuen wir Ihnen doch etwas Gutes, wenn wir es nicht einfach „weg wischen“ und versuchen ungeschehen zu machen! :)

    Für alle außen stehenden Leser, die mich nicht kennen: Selbstverständlich meine ich jetzt nicht, dass ich zusehe, wie mein Kind sich doll verletzt, und es nicht versorge! Oder das ich es alleine lasse!

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