Tricksen.

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Im letzten Posting habe ich darüber gesprochen, dass Lob eine Form der Manipulation sein kann. Und das viele sich dessen auch voll bewusst sind. Andere dagegen nicht. Wenn man sie darauf hinweist, dass Lob genutzt wird, um zu manipulieren, sehen sie sich das erste Mal mit diesem Zusammenhang konfrontiert. So ging es mir ja auch.

Vor ein paar Tagen standen wir dann an einer großen Kreuzung. Das Glückskind auf dem Arm vom Glückskindpapa. Da fuhr ein LKW von einer großen Supermarktkette vorbei mit einem riesigen Bild voller Äpfel. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass das Glückskind verrückt ist nach jeglichem Obst und Gemüse, insbesondere aber nach Äpfeln (Tomaten, Bananen). Und wenn er diese Sachen irgendwo sieht, dann will er sie jetzt, sofort und unmittelbar. Wir hatten schon einige Bananenspontankäufe, weil der Kunde vor uns Bananen aufs Band gelegt hat. Erzieherisch sehr wertvoll! Nun kamen wir von der Kita und hatten nichts dabei. Deshalb haben wir ihn abgelenkt und dazu gebracht, in eine andere Richtung zu schauen. Daraufhin meinte der Glückskindpapa: „Man muss ganz schön mit Tricks arbeiten.“

Diese Aussage hat mich erstmal sprachlos gemacht. Er hat dann noch von einem Erlebnis erzählt, um das zu betonen:

Er war auf seiner morgendlichen Joggingrunde und überholte eine Mutter mit Tochter, die auf dem Rad unterwegs waren. Das Mädchen fuhr sehr langsam. Als der Glückskindpapa vorbei lief, meinte die Mutter: „Schau mal, wir sind so langsam, dass uns sogar ein Jogger überholt.“ Daraufhin trat das Mädchen in die Pedale.

Meine Reaktion war sofort abwehrend „Nein, wir tricksen nicht.“ Dann hab ich kurz darüber nachgedacht und meinte „Ja, doch. Aber eigentlich will ich das gar nicht.“. Und am nächsten Morgen, als ich joggen gehen wollte und das Glückskind zur Erleichterung des Abschiedsmoments mit dem Glückskindpapa ins Bad gehen sollte, hatten wir die nächste Situation dieser Art. Ab und an ist das morgendliche Verabschieden etwas schwierig. Das Glückskind vermisst mich nicht. Die Trennung ist aber mitunter tränenreich. Das versuchen wir zu verhindern, indem wir den Abschied so gestalten, dass das Glückskind beschäftigt ist, sich wohl fühlt, mit dem Papa zusammen ist. Denn wenn er sieht, dass ich zur Tür raus gehe, dann versteht er es einfach noch nicht.

An diesem Morgen waren wir schon fertig im Bad. Es gab also eigentlich für das Glückskind keinen Grund nochmal hinein zu gehen. Ich hab mit ihm im Wohnzimmer gespielt. Mit Autos. Und bin dann mit einem dieser Autos ins Bad gefahren. Er kam mir hinterher und hat dann tatsächlich im Bad weitergespielt. Daraufhin meinte der Glückskindpapa nicht ohne Sarkasmus: „Nein, wir arbeiten nicht mit Tricks.“

Und jetzt denke ich seither darüber nach, ob das nicht auch anders ginge. Es gibt in dieser speziellen Situation eigentlich nur zwei Alternativen. 1. Ich gehe nicht laufen. Oder 2. Das Kind weint. Sehr. Wirklich sehr! Und lässt sich mitunter auch nicht beruhigen. Manchmal schon. Manchmal ist es ihm völlig egal. Aber manchmal halt überhaupt gar nicht. Alternative 1 haben wir durchaus schon ausprobiert. Das ist aber nicht praktikabel. Und irgendwie ja auch nicht Sinn der Sache. Das mag sich jetzt fies anhören. Aber er soll ja auch nicht lernen, das Weinen einsetzen zu können, um mich zu etwas zu bringen. In diesem Fall zu bleiben. Er und sein Papa haben ja einen Heidenspaß während ich weg bin. Und wir haben viele andere Situationen am Tag, wo er von mir getrennt ist. Mit fast 21 Monaten finde ich das auch sehr wichtig für ihn. Es ist tatsächlich diese Trennungssituation, die er einfach noch nicht versteht, denke ich. Und der Abschied im Bad ist einfach inzwischen ein Ritual. Deshalb versuchen wir immer, diesen Abschied auch im Bad zu machen.

Ich bin schlicht überfragt, wie man die Situation anders lösen könnte. Ohne Tricks. Ich werde in Zukunft definitiv mehr darauf achten, in welchen Situationen wir solche Tricks anwenden. Aber das beantwortet für mich nicht die Frage, ob diese Tricks in Ordnung sind, oder ob man das Kind dadurch einschränkt in seiner Entwicklung.

Es geht ja dann auch weiter bei Belohnungen oder Ablenkungen. Über Lob, und da gehören Belohnungen ja auch dazu, hab ich geschrieben. Ablenkungen dagegen sind halt etwas anderes. Wenn ein Kind fällt, sieht man oft, wie Eltern sofort mit Spielzeug oder Essen, gern auch Süßem kommen, um es zu trösten. Kinder werden oft von ihrem Schmerz oder ihrer Trauer abgelenkt. Auch das sind Tricks. Natürlich sollen sie dem Kind helfen, sich besser zu fühlen. Uns aber auch. Wir sind hilflos in der Situation, weil wir ein weinendes Kind nicht weinen lassen wollen. Aber muss es nicht mit seinem Schmerz umzugehen lernen? Mit seiner Wut? Und auch mit seiner Traurigkeit? Aber wann tricksen wir? Ist eine Umarmung auch ein Trick? Nein, das glaube ich nicht. Josef Althaus meint, man soll Kindern in solchen Situationen Halt geben. Das sehe ich ähnlich und nehme das Glückskind in den Arm, wenn es allein nicht weiter weiß. Aber was ist z.B. im Auto? Auf der Autobahn. Ja, man kann die Hand halten. Oft hilft das aber nicht. Bei uns zumindest nicht. Anhalten, wenn es nicht mehr geht, ja.. Aber vorher versuchen wir es mit Büchern, Musik, Singen, Spielen etc.

Sind das auch Tricks? Ja. Auch wenn wir ihm etwas zu Essen in die Hand drücken, damit er im Kinderwagen sitzen bleibt. Das ist in der Regel nur auf dem Heimweg nötig. Da hat er sowieso Hunger und es klappt auch nicht immer. Unser Tragling ist es einfach noch immer nicht gewohnt dort drin zu sitzen.

Und sind es Tricks, wenn man das Kind die Kleidung selbst wählen lässt, wenn es sich nicht anziehen lässt? Oder es selbst ins Auto klettern lässt, weil es sonst nicht mitfahren mag? Oder ist das einfach nur die Förderung der Selbstständigkeit? Denn letztendlich mache ich das zwar auch, um dem Drang nach „alleine machen“ nachzugehen. Aber die erste Motivation dafür kommt ja aus der Situation, dass etwas nicht klappt. Ich mache es, damit er sich anziehen lässt. Oder damit er ins Auto steigt. Das ist ja schon Manipulation.

Ach man. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich, wie integriert diese Tricks schon in unseren Alltag sind. Das macht mich einerseits traurig. Andererseits aber auch ratlos. Was ist richtig? Ist es falsch, dem Kind beizubringen, sich in manchen Situationen abzulenken, damit man sich besser fühlt? Kann ein so kleines Kind schon anders damit umgehen?

Gerade wird mir bewusst, dass es schon sehr mit der Entwicklung des Willens zusammenhängt. Ich finde diese Entwicklung wahnsinnig wichtig. Und ich will mein Kind nicht austricksen, damit es seinen Willen vergisst.

Ich denke, ich werde versuchen, noch weniger zu tricksen. Ganz bewusst darauf achten, wann wir das machen und es nur in vereinzelten Situationen anwenden. Bei Wut, Trauer oder Schmerzen werde ich weiterhin die Arme anbieten (ist Stillen in solchen Situationen auch ein Trick???).

Ich bin gespannt, was ihr darüber denkt. Habt ein schönes Wochenende.

Eure Andrea :)

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2 comments

  1. Sternchen130813 says:

    Hmmm… Gute Frage! Einerseits hast Du schon Recht. Es sind Tricks. Aber ich finde nicht, dass alles auch Manipulation ist. Und ich finde alles hat Grenzen. So auch die Tricks. Wenn das Glückskind beim Abschied so sehr weint, ist der Trick mit dem Bad meiner Meinung nach völlig OK und manipuliert ihn nicht. Es bewahrt ihn vor seelischem Schmerz. Weil er einfach noch nicht mit dieser Trennung umgehen kann. Süßigkeiten bei Schmerz durch weh tun, finde ich allerdings irgendwie schon manipulativ. Ich denke es ist wichtig, dass ein Kind weinen kann und darf, wenn es Schmerz empfindet. Man man es liebevoll dabei begleiten, es in den Arm nehmen, trösten, halten, erklären, da sein. Es ist ganz wichtig das es merkt dass es OK ist, auch mal Schwäche zu zeigen, weil es Schmerzen hat oder Traurig ist o.ä. Nur so lernt es ja, wie man mit Gefühlen gut umgeht und das es auch OK ist sie zu zeigen.
    Ablenkungen sind immer so ne Sache. Einerseits ja, andererseits nein. Einerseits muss das Kind nicht unnötig einer Situation ausgesetzt werden, die ihm in irgendeiner Weise zusetzt. Anderseits ist es aber auch wichtig, dass es Grenzen lernt. Und auch lernt, das gewisse Dinge nicht immer und sofort gehen.
    Ich denke man kann das nicht pauschalisieren. Ich habe da keinen Plan und entscheide in jeder Situation neu und nach meinem Bauchgefühl.
    Am aller wichtigsten ist das mein Schatz weiß, egal was passiert, ich bin da und begleite sie bei ihren Gefühlen, welcher Art auch immer. Ich bin da. Liebend, verlässlich, beschützend, sicher. Aber auch loslassend und ermutigend. :)
    :-*

  2. Andrea says:

    Sternchen, das hast du toll geschrieben! Vielen Dank!

    Ich denke auch, das wichtigste ist, dass sie wissen, das wir da sind. Und dass wir authentisch sind. Und ehrlich. Dazu auch der nächste Blogpost.

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