Wut.

IMG-20150424-WA0000bear

Momentan ist das Glückskind wieder in einer, wie sagt man so schön, wenn man nicht „Trotzphase“ sagen will, „Autonomiephase“. Das Wort klingt mir eigentlich so sehr nach Akademikerichweißüberallesbescheidundfindeintellektuellklingendewortefürmeinwissen, aber es trifft es ziemlich gut. Viel besser als „Trotzphase“. Damit unterstellt man den Kindern nämlich, sich einfach nur widerwillig gegen die Erwachsenen zu stellen. Für mich klingt dieses Wort zumindest sehr wertend und ich mag es einfach nicht. Es ist vielleicht auch einfach zu negativ behaftet in unserer Gesellschaft. Denn es geht immer einher mit Sätzen wie:

„Sie hat sich tatsächlich sogar ein paar Tränen raus gedrückt.“

„Er ist nur am rummotzen.“

„Wenn ihr was nicht passt, heult sie.“

„Es muss immer nach seinem Köpfchen gehen.“

Solche Sätze machen wiederum mich wütend. Wenn das Kind nicht funktioniert.. Nun ja. Natürlich sind solche Phasen und Wutanfälle anstrengend. Das will ich nicht bestreiten. Ich versuche nur, sie anders einzuordnen und nicht als simplen Machtkampf zu sehen, in dem ich die Oberhand behalten muss.

Ich glaube, Kinder im Alter von zwei Jahren verstehen einfach nicht, warum sie etwas nicht dürfen. In der Natur gibt es diese Grenzen in dieser Form für Kinder nicht. Sie dürfen sich ganz anders ausprobieren und es gibt kaum Verbote. Man lässt sie an allem teilhaben, sie müssen sich nicht anziehen lassen, sind insgesamt kaum fremdbestimmt usw. Diese Erwartung steckt in ihren Genen, genau wie getragen, gestillt, geliebt zu werden. Ein Katzenjunges würde sich auch wehren, wenn man es ständig in seinem Entdeckerdrang beschränkt oder ihm immer wieder irgendwelche Grenzen aufzeigt. Aus diesem Grund erkläre ich dem Glückskind immer, warum etwas nicht geht, lasse ihn insgesamt viel mitentscheiden und ich tröste ihn, wenn er das möchte. Wenn nicht, lasse ich ihm seine Wut kurz und versuche es kurz danach noch einmal. In der Regel klappt das. Wenn er müde ist, ist es schwieriger.

Ich glaube einfach nicht, dass Kinder Tränen rausdrücken oder mit Absicht wütend werden, um die Erwachsenen umzustimmen. Das ist nur unsere Interpretation. Sie verstehen es meiner Meinung nach einfach nicht. Und die Wut, die Tränen sind das letzte Mittel, das ihnen einfällt. Sie wollen selbstständig werden, sich entwickeln, ihren eigenen Willen durchsetzen. Alles Dinge, die wir auch von ihnen erwarten. Grenzen behindern sie darin. Natürlich sind sie trotzdem wichtig. Und Kinder wollen ja auch ihre und unsere Grenzen kennenlernen.

Aber ich denke, je mehr Grenzen sie begegnen, desto fragwürdiger wird jede einzelne. Im Umkehrschluss heißt das für mich, je weniger Grenzen sie haben, desto eher akzeptieren sie deren Bedeutung. Und ich denke auch, wenn man seinen Kindern einen gewissen Freiraum gewährt, kommt man seltener in die Situation, dass man doch „nachgibt“, wenn man einmal Nein gesagt hat. Und das gibt den Kindern Orientierung. Ein Nein heißt Nein. Egal, wie doof das Kind das jetzt findet. Einfach deshalb, weil dieses „Nein“ begründet ist, weil es für die Eltern wichtig ist. Da ist sie wieder, die Authentizität. Ich merke immer mehr, wie das Glückskind das auch akzeptiert. Und umgekehrt respektieren wir in den meisten Situationen auch sein „Nein“. Außer halt dann, wenn sein „Nein“ wichtige Grenzen verletzt wie zum Beispiel wenn er an der Straße „Nein“ zu unserer Hand sagt.

Wir versuchen unsere Kinder in unsere Gesellschaft zu integrieren. Sie sind dafür aber nicht geboren. Ich finde, das sollte man nicht vergessen.

FacebookTwitterPinterestWhatsAppEmailGoogle BookmarksBlogger PostGoogle+

One comment

Schreibe einen Kommentar